Euthanasie und Mitleidsethik – Da war doch was!

Die Debatte um die gesetzlich geregelte Sterbehilfe ist in vollem Gange. Leider wird sie nicht von denen geführt, um die es geht, sondern von Regulierungswütigen und emotional Ergriffenen. Darum ist es wichtig mit den Menschen zu sprechen, die auf professioneller Ebene damit zu tun haben und mit den Betroffenen selbst.

Macht man sich die Mühe mit Pflegenden, Medizinern und Betroffenen (also die von denen wir wollen, dass sie sterben dürfen) zu sprechen, kommt man zu folgender Erkenntnis: Eine Änderung der Gesetzeslage hinsichtlich der passiven Sterbehilfe ist notwendig, die aktive Sterbehilfe aber zu verhindern. Drastischer: Wir lassen die Büchse der Pandora lieber zu, wenn wir eine solidarische Gemeinschaft bleiben wollen.

In der Frage um Leben und Tod gibt es kein richtig oder falsch. Ob jemand wirklich aus tiefster Überzeugung sterben möchte, kann niemand von außen beurteilen. Das liegt in der Natur der Sache, da wir nicht in den Kopf des Betroffenen hinein schauen können. Die Bereitschaft zu sterben kann sich bei den Betroffenen auch augenblicklich ändern. So wird oft die Vermeidung von Leid als Argument gebraucht, warum man es einem Menschen nicht verwehren soll, zu entscheiden ob er noch leben möchte. Jedoch wissen wir nicht, ob dieser Wunsch aus der Angst vor Schmerzen und Kontrollverlust erwachsen ist, oder ob es andere vielleicht zu ändernde Gründe dafür gibt. Hier ist ein Interview mit dem Palliativmediziner Rainer Prönneke. Er beschreibt nüchtern, mit welchen Problemen man bei der aktiven Sterbehilfe zu rechnen hat.

Was mich neben der konkreten Debatte um einen Gesetzesentwurf stört, ist die Selbstverständlichkeit, mit der Menschen anderen Menschen unerträgliches Leid zuschreiben, aus dem sie sie, ganz Menschenfreund, erlösen wollen. Dabei sind es oft, die Angehörigen von schwer Kranken, die mehr unter dem “Anblick” des Kranken leiden, als der Kranke selbst. Mit dieser Mitleidsethik haben auch die Nationalsozialisten im dritten Reich die Euthanasie von behinderten Erwachsenen und Kindern gerechtfertig. Das es sich dabei nicht um einen Gnadenakt handelte, dürfte hoffentlich mittlerweile jedem klar sein. Einen geschichtlichen Abriss und die Einordnung liefert ein Text von Klaus Dörner im Spiegel von 1989 (!).

Daher finde ich den Text von Jakob Augstein zwar ein bisschen moralisch absolut, aber dennoch trifft er den Nagel auf den Kopf. Haben wir einmal die Büchse der Pandora zum aktiven Suizid geöffnet, müssen sich Betroffen auf kurz oder lang anhören, warum sie denn noch den Menschen zur Last fallen oder warum sie sich denn ihr behindertes Kind noch antun. Es gibt ja schließlich eine ordentliche Lösung für das Problem. Wer nicht glaubt, dass Menschen zu solchen Gedanken und Äußerungen fähig sind, der spreche einmal mit Eltern von Kindern mit Trisomie 21. Da kommt das “Das weiß man doch vor der Geburt. Warum habt ihr es nicht weg machen lassen?” bei einigen schmerzfrei daher gesagt.

Gäbe es eine gesetzliche Regelung für den aktiven Suizid, reden wir unter anderem über Abrechnungsziffern von Ärzten bei der gesetzlichen Versicherung, über die Todesdosis und wie wir sie honorieren. Ich sehe mich schon im Gemeinsamen Bundesausschuss mit den Vertretern der Ärzte und den Krankenhäusern über die Qualitätssicherung von Sterbehilfe reden. Und da ich die Bestrebungen und Handlungen von den Vertretern zu anderen harmloseren Themen kenne, gefriert mir das Blut in den Adern bei dem Gedanken. Was viele Menschen nicht wissen ist, das unser Gesundheitssystem nach dem Prinzip der Selbstkontrolle arbeiten will und tut. Es wird also keine Kontrolle von außen über die Durchführung und Indikation geben. Das ist mit das Schlimmste, was ich mir vorstellen kann. Wir reden dann nicht mehr von verpfuschten Operationen und Krankenhauskeimen, sondern von Missbrauch der aktiven Sterbehilfe.

Obwohl die Debatte gerade in eine andere Richtung läuft, hoffe ich sehr, dass es zu einem Sterbehilfe – statt Tötungshilfegesetz kommt, in dem Sinne, dass wir die Hilfe beim Sterben intensivieren und einen Rechtsanspruch formulieren. Jeder hat das Recht auf Hilfe beim Sterben unter Einschluss aller lindernden hospizlich-palliativen Möglichkeiten. Ich bin sicher, dass dadurch in gelebter Solidarität die Sorgen und Ängste vor unerträglichem Leiden zurückgehen. Dann bräuchten wir  die Tötungsgrenze nicht mehr in Frage zu stellen.

– Rainer Prönneke

Da das Thema Sterbehilfe so kompliziert ist, plane ich über den Status Quo einen Podcast machen. Zu diskutieren sind der aktuelle rechtliche Status von medizinischem Personal und Angehörigen und die Möglichkeiten die Angehörige und Betroffene jetzt schon haben.

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