Broschüren beim Arzt – Was taugen sie?

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Im Moment sehe ich mehr Wartezimmer von innen als mir lieb ist. Darum mache ich aus einer Not eine Tugend und schaue mit die ausliegenden Broschüren an. Patienten in Deutschland beziehen die meisten schriftlichen Gesundheitsinformationen aus diesen Broschüren beim Arzt. Darum lohnt sich ein kritischer Blick hinein.

Update:

Dass das ganze Screening trotzdem alles andere als evidenzbasiert ist, erklärt ein Auszug dieses Artikels. Die Zeit wird zeigen ob es tatsächlich einen Nutzen hat.


 

Gerd Gigerenzer hat in seinem neuen Buch erklärt welche Gesundheitsinformationen Patienten benötigen, um eine gute Grundlage für eine informierte Entscheidung zu haben. Ich werde an einem Beispiel erklären, wie auch ihr eine gute Broschüre erkennt, auch wenn ihr sein Buch nicht gelesen habt.

Den Anfang mache ich mit einer guten Broschüre der deutschen Krebshilfe über die Möglichkeiten der Früherkennung bei Hautkrebs.

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Das Layout ist professionell und die Schrift gut lesbar. Für Menschen, die nicht so gut sehen können, ist die Schrift eventuell ein bisschen zu klein. Die Strukturierung des Flyers ist gut. Der Text wird in drei Abschnitte eingeteilt: Informieren, Nachdenken und Entscheiden. Bei ‘Informieren’ werden den Lesern der Nutzen gegenüber den Risiken erläutert. Bei ‘Nachdenken’ wird auf die individuelle Situation des Patienten und den Ablauf des Screenings eingegangen. Bei ‘Entscheiden’ gibt die deutsche Krebshilfe eine Empfehlung in Richtung pro Screening ab.

Informieren.

Der erste Absatz dieses Textes widmet sich den allgemeinen Hinweisen zu einer gesunden Lebensweise und dem Zweck des Hautkrebs-Screening. Der darauf folgende Absatz ist meines Erachtens der wichtigste des gesamten Flyers. Es ist sehr gut, dass er so weit am Anfang des Flyers steht, denn er schildert in knackigen Punkten, worauf es bei der Entscheidung pro und contra Test ankommt und welche Fragen der Flyer zu beantworten versucht.

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Für mich als Skeptiker ist der erste Satz des darauf folgenden Absatz ausgezeichnet:

Bislang gibt es nur wenige wissenschaftliche Studien über Nutzen und Risiken von Krebs-Früherkennungsuntersuchungen.

Hilfreich zur Beurteilung der Aktualität wäre noch eine Jahreszahl, wann der Flyer in den Druck ging, denn die Studienlage ändert sich ständig.

Nun gibt der Flyer Aufschluss über die Häufigkeit der Erkrankung in Deutschlang. Leider werden diese Zahlen wenig anschaulich, sondern quer verteilt über den Text und nicht zusammenfassend dargestellt. Hier ließe sich sehr einfach Abhilfe schaffen, in dem man absolute Häufigkeiten in vorstellbaren Zahlen angibt. Die absolute Häufigkeit der Erkrankung lässt sich aus den angegebenen Zahlen nicht ableiten. Die Darstellung wäre z.B. ‘2 von 1000 gesetzlich Versicherten erkranken jährlich an X’. Vielleicht wäre auch ein Schaubild hilfreich.

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Weiter geht es mit der Kommunikation des individuellen Risikos an Hautkrebs zu erkranken. Auch hier lässt sich nicht sagen, auf welcher Basis die Risiken angegeben werden. Mit Formulierungen wie “erkranken 120 mal häufiger” führt man den Leser in die Irre. So kann die zugrunde liegende Häufigkeit 1 von 100 000 sein oder 1 von 100. Das macht einen ernormen Unterschied. Man suggeriert ein sehr hoch gestiegenes Risiko und das verunsichert den Patienten. Besser wäre es gleich mit absoluten Häufigkeiten zu arbeiten und das durschnittliche Erkrankungsalter grafisch darzustellen. Also wie viele unter 30-jährige erkranken nun tatsächlich jährlich an Hautkrebs.

Nachdenken.

Unter Nachdenken erklärt der Flyer zunächst wie ein Hautkrebs-Screening durchführt wird, wer dazu ausgebildet ist und wie bei Auffälligkeiten weiter vorgegangen wird. Hierbei werden auch die Wahrscheinlichkeiten kommuniziert, wie oft bei positivem Testergebnis ein tatsächlicher Befund vorliegt. Das ist sehr wichtig um die Patienten nicht beim ersten positiven Verdacht in Todesangst zu versetzen. Entscheidend ist für mich der letzte Absatz der ersten Seite:

Der wissenschaftliche Beweis, ob durch das flächendeckende Hautkrebs-Screening tatsächlich mehr Menschen ihre Hautkrebs-Erkrankung überleben, fehlt jedoch bislang. Denn genaue Zahlen zur Veränderung der Häufigkeit und Sterblichkeit von Hautkrebs bei Menschen, die am Screening teilgenommen haben, liegen noch nicht vor. Experten sind sich einig, dass die Heilungsschancen des malignen Melanoms in frühen Stadien am größten sind.

Der einzige Kritikpunkt an diesem Abschnitt ist für mich der letzte Satz. Wer sind denn die Experten? Wissenschaftler die die Studienlage kennen, oder Ärzte die am Screening verdienen? Das gehört für mich zumindest in eine Fußnote.

Auf der nächsten Seite werden die Risiken und Nebenwirkungen besprochen. Dabei werden die Teile der Untersuchung beschrieben, bei denen es zu Komplikationen kommen kann. Z.B. kann bei einer Gewebeentnahme eine Narbe entstehen. Großartig finde ich, dass hier auch die Überdiagnose erläutert wird. Also dass etwas entdeckt wird, ohne das es jemals zu Problemen gekommen wäre.

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Außerdem wird erklärt das keine Untersuchungsmethode zu 100 % sicher ist. Das mag wie eine Selbstverständlichkeit klingen. Jedoch suggerieren viele Ärzte und auch die Medien, dass dies so sei.

Entscheiden.

Der Flyer schließt mit der Empfehlung der deutschen Krebshilfe zugunsten des Hautkrebs-Screening. Weitere Infomationen und den Flyer findet ihr auf Deutsche Krebshilfe.

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