Qualität im Gesundheitswesen – „Die armen Vögel!“

Einmal im Jahr ruft der GBA zur Darstellung und Beratung der Ergebnisse seiner Arbeit im Bereich Qualitätssicherung (QS) zu einer Konferenz in Berlin. Dort erscheinen 600 Interessierte, Mitarbeiter der Krankenhäuser, der Krankenkassen, der Lobby dieser Bereiche und die Patientenvertreter. Ich war dabei. Was in den Köpfen bleibt sind Tiermetaphern, bemerkenswerte Zitate und warme Worte unseres Gesundheitsministers Hermann Gröhe (CDU).

Für den Bereich Gesundheit gibt es neben dem für alle Themen in Deutschland zuständigen Gesetzgeber, dem Deutschen Bundestag, noch einen „untergesetzlichen Normgeber“, den Gemeinsamen Bundesausschuss. Er wird gebildet von den Vertretern der finanziellen Interessen des Bereichs, der Vertretung der Eigentümer von Krankenhäusern (Deutsche Krankenhausgesellschaft, DKG), der Vertretung der Kassen- oder Vertrags(zahn)ärzte (Kassen(zahn)ärztliche Bundesvereinigung, K(Z)BV) sowie auf der Gegenseite der Vertretung der Gesetzlichen Krankenkassen, dem Spitzenverband Bund. Damit sich diese beiden Seiten mit jeweils 5 Stimmen nicht endlos über den „richtigen Weg“ streiten sind ihnen drei unparteiische Mitglieder mit Stimmrecht beigeordnet: ein Unparteiischer der Kassen (der Jurist Dr. Harald Deisler), eine Unparteiische der Leistungserbringer (die Ärztin Dr. Regina Klakow-Franck) und ein Unparteiischer der Politik (der Jurist Josef Hecken, CDU). Am „Katzentisch“ sitzen dort sogenannte Patientenvertreter, also Lobbyisten der Verbraucherzentrale, verschiedener Beraterverbände und als Vertreterinnen von kranken Menschen Delegierte des Deutschen Behindertenrats und der Selbsthilfe behinderter und chronisch kranker Menschen. Letztere haben ein Antrags- und Beratungsrecht, wenn es ernst wird entscheiden die Ökonomen alleine.

Gestartet sind wir mit einer Einführung der Unparteiischen des GBAs Dr. Regina Klakow-Franck. Sie summierte die Herausforderungen und Handlungsweisungen für die Zukunft, die Herr Gröhe im Anschluss bestätigte. Beide griffen das Thema „patientenorientiertes Gesundheitswesen“ auf. Jetzt fragt sich vielleicht der ein oder andere Leser: „Ja, wenn nicht zum Wohle des Patienten, worauf orientiert sich denn das Gesundheitswesen dann? Ist es nicht eine Selbstverständlichkeit?“ Diesem Leser kann ich nur sagen: Leider orientieren sich die maßgeblichen Akteure nicht am Wohle des Patienten sondern an Gewinnmaximierung und Bewertungsfreiheit. Das heißt, wir, die Beitragszahler und Patienten, sollen weiter brav Beiträge zahlen und im Unwissen bleiben, welche Krankenhäuser Eingriffe verpfuschen und welche Ärzte die Patienten schlecht behandeln.

Positiv, meiner Meinung nach, waren die beiden Vorträge von Professor Martin Marshall und Professor Matthias Schrappe. Sie verschärften noch einmal den Appell an die Anwesenden endlich zu Potte zu kommen und echte Qualitätssicherungsmaßnahmen durchzusetzen, als sich in Detailfragen zu verlieren und um den heißen Brei herumzureden. Vor allem die Ärzteschaft hat wahnsinnige Angst vor Neuerungen und dem Messen ihrer Leistungen. Ich fand es bemerkenswert, dass Professor Martin Marshall mit einem Zitat von Max Planck schloss.

Eine neue wissenschaftliche Wahrheit pflegt sich nicht in der Weise durchzusetzen, daß ihre Gegner überzeugt werden und sich als belehrt erklären, sondern vielmehr dadurch, daß ihre Gegner allmählich aussterben und daß die heranwachsende Generation von vornherein mit der Wahrheit vertraut gemacht ist.

Das zeigt welche Hoffnung er in Veränderungen des Systems sieht.

Jetzt empört sich vielleicht ein Leser, dass es doch einige Informationen auch im Internet gibt. Natürlich bieten zum Beispiel die Kassenärztliche Vereinigung Infoportale an, in denen sich ein Patient verirren kann. Leider sind diese Angebote geprägt von der Geisteshaltung, wie oben erwähnt. Eine Bewertung von Therapiemaßnahmen, evidenzbasierte Kriterien oder gar echte neutrale Informationen sucht man dort vergebens.

Die sogenannte „Selbstregulierung“ funktioniert genauso wenig, wie der Presserat bei Zeitungen, nämlich gar nicht. Eine Rüge ohne Konsequenzen ist nichts wert. So auch im Gesundheitswesen. Der von den Krankenhäusern so hoch gelobte Qualitätsbericht entpuppt sich als unlesbarer Roman, wenn man genauer hinsieht. Vergleichbarkeit von Krankenhäusern finden wir auch dort nicht. In einem Vortrag erfuhr ich, dass zu dieser Erkenntnis zum Beispiel die Holländer gekommen sind, als sie stichprobenartig viele Krankenhäuser von neutralen Stellen untersuchen ließen und die Daten mit denen von den Krankenhäusern gelieferten verglichen.

Dabei bleibt bei mir auch immer eine Frage offen. Was haben die Angestellten von Krankenhäusern und die niedergelassenen Ärzte eigentlich getan, das sie so eine Lobby-Vertretung verdient haben? Wenn ich meinem Arzt erklären muss, was der Gemeinsame Bundesausschuss ist, dann frage ich mich, inwiefern sie überhaupt wissen, was ihre Interessenvertreter so tun.

Die Pressekonferenz war diesbezüglich auch wenig erhellend. Neben der üblichen Selbstbeweihräucherung der Bänke und dem Protests des Pateientenvertreters Trenner, vielen mir besonders die ungewöhnlich unkritischen und passiven Journalisten auf. Statt die Kassenzahnärztliche Bundesvereinigung mal zu fragen, welche konkreten Verbesserungen zum letzten Jahr sie denn im Bereich QS geleistet haben, kamen nur Fragen, die den Akteuren in die Hände spielten. Von dem berühmt berüchtigten kritischen Journalismus war dort nichts zu spüren. Ist das deutsche Gesundheitswesen den Redakteuren dieses Landes so egal? Ich finde es traurig.

Den Vogel hat Dr. Franziska Diel von der KBV abgeschossen. Sie behauptete allen ernstes die kassenärztliche Bundesvereinigung wäre ja die EINZIGE Bank im GBA die es wirklich um Verbesserung der Behandlung von Patienten ginge. Diese Aussage am gleichen Tisch mit dem Vertreter der Patienten zu treffen ist schon ein starkes Stück.

So ist es auch kein Wunder wie ein Arzt im deutschen Ärzteblatt vollmundig behauptet, dass die Qualitätssicherung für Patienten soviel bringt, wie die Ornithologie den Vögeln. Wenn die stimmberechtigten Bänke des Gemeinsamen Bundesausschuss weiter so mauern und sich gegen echte patientenorientierte Qualitätssicherung wehren, so wird dieser unsägliche Vergleich leider weiter stimmen. Der GBA hat alle Instrumente um eine unabhängige und erfolgreiche Qualitätssicherung zu implementieren. Leider wird es nicht genutzt und es bleibt bei beim Schattenboxen der finanziellen Profiteure unseres Gesundheitssystems.

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