Willkommen in der Wicker-Klinik: Esoterik wider Willen

Neulich schrieb mir eine Freundin ein paar Zeilen aus der Reha. Was sie dort erlebte, konnte sie nur schwer in Worte fassen. Sie hat es versucht und auch mir bleibt die Spucke weg. Daher lasse ich sie einfach selbst erzählen:

Ich setze mich immer mal wieder mit alternativen Heilmethoden auseinander. Erst interessiert, mittlerweile vor allem um begründet zu ranten  (Anm. d. Red. “schimpfen”)

Seit über einem Monat bin ich stationär in medizinischer Betreuung und komme mit allem möglichen Kram in Berührung, von dem ich nie zuvor gehört hatte.
Das sind primär auf Neurologie spezialisierte Leute, mit denen ich hier zu tun habe. “”Hier”” ist übrigens ein Krankenhaus mit einem hervorragenden Ruf und eine Rehabilitationsklinik mit eben solchem.

Sie kam mit allerlei Behandlungsmethoden in Berührung. So auch dem Kinesiotape:

Kinesiotape. Vs. Verband.
Die Physiotherapeutin hat ergänzend Kinesiotape angeboten. Das bezahlt die Krankenkasse nicht, weil die Wirkung nicht erwiesen ist. Als Fußheber hatte ich dicke Verbände um Fuß und Bein, die nerven natürlich, also wollte ich es ausprobieren.
Fazit: Der Druck ist nicht so stark wie beim Verband, dafür nervt es im Schuh nicht, löst sich aber bei den einfachsten Bewegungen (es war unter anderem um den Knöchel herum, prädestinierte Stelle für: hält nicht). Es sollte drei Tage halten und hielt keine 24 Stunden.  Bin dann wieder auf Verband umgestiegen.

Dann kam Osteopathie wider Willen:

Osteopathie statt Krankengymnastik, nicht alternativ, wtf
Meine Physiotherapeutin ging auf Fortbildung und schickte mich für die letzte Behandlung zu ihrem Kollegen, einem Osteopathen. Ich merkte meine Kritik an, weil ich mehr auf evidenzbasierte Medizin stehe und die sagt tatsächlich, dass sei doch evidenzbasiert oO well…
Ich kenne Osteopathie schon aus früheren Erkrankungen und fand es nie hilfreich, aber solange der mir nicht am Kopf rumdrückt, gibt’s vermutlich keine Schmerzen, also lasse ich ihn mal machen; bei einer Sitzung wird schon nix kaputt gehen.

Bin aber sauer, denn eigentlich kriege ich Krankengymnastik. Das ist ja kein Ersatz, für wen auch immer es als Ergänzung durchgeht, ein Ersatz ist. es. nicht.
Er kann auf meine Fragen kaum antworten. Bei allen Therapien: Ergo, Physio, wurde mir genau erklärt, an welchen Körperteilen wie gearbeitet wird, in einfachen Worten und wenn ich wollte, mit Fachjargon. Der Osteopath beherrscht aber weder noch. Er schmeißt mir ein paar Begriffe hin, die ich mir nicht merken kann obwohl ich es versuche. Zeigt nichts, obwohl er seine Hände an mir hat. Ich weise ihn einmal scharf zurecht, weil er mich nicht mal darauf vorbereitet mir an den Arsch zu packen oO
Er redet eh nicht viel, nur Sprichwörter und andere Floskeln, manchmal versteh ich nicht mal den Zusammenhang.

Aber der wirkliche “Knaller” kommt jetzt:

Übel fand ich dann:
der Osteopath fragt woher denn meine Krankheit kommt. Er hatte sich nicht damit auseinandersetzen können, er ist schließlich nur die Vertretung, hat nur kurz die Symptome gelesen und die Info meiner eigentlichen Physiotherapeutin. Idiopathisch ist meine Krankheit, keine Ursache zu finden. Er sagt (wörtlich!) ““Impfungen stehen ja auch in Verdacht sowas auszulösen””.

Er sagt also ohne irgendeinen Plan, dass Impfungen das verschuldet haben können. Ich bin Mitte 20, also im Normalfall seit ner Weile nicht geimpft worden, außer vielleicht gegen Grippe. Er kennt meine wirkliche Anamnese ja nicht. Er kennt übrigens auch meine Krankheit nicht, hat an dem Tag zum ersten Mal davon gehört. Das sagte er selbst! Er nimmt also Impfungen pauschal in die Verantwortung für alles Mögliche. Juhu.

Wenn ich mir jetzt vorstelle, da hätte nicht ich gesessen, die eh schon von Grund auf skeptisch ist und keine Probleme hat sich Informationen in Massen zu beschaffen, sondern vielleicht eine*r der älteren Patient*innen, die möglicherweise dringend eine Impfung nötig haben. Und diese dann ablehnen, weil ihnen so ein Typ solch einen Mist erzählt. Da werd ich aggro.

Die üblichen Infos über Herdenimmunität etc. erspare ich euch an dieser Stelle, weil sie schon oft genug erklärt wurden. Ich finde die Geschichte einfach nur krass.

Meine Freundin hat sich bei der Rehaklinik beschwert. Ich bin gespannt was dabei heraus kommt. Vielleicht kann ich euch auf dem Laufenden halten.

10 comments

  1. Holm Hümmler

    Da ich an einem der Standorte wohne, welche Wickerklinik war denn das?
    Es hätte übrigens nicht geschadet, die Zitate sprachlich etwas zu überarbeiten. So ist es doch recht schwer zu lesen, und ich zögere etwas, den Post zu teilen…

        • esme

          Sie würden sich wundern, wieviel Wahrheit man nicht einfach so öffentlich aussprechen kann, wenn man keinen guten Anwalt hat.

          • esme

            Ich habe mal versucht, auf einer Internetrestaurantbeurteilungsseite ein Erlebnis zu schildern, in denen klar versucht wurde, uns als Touristen zu betrügen (40 Euro mehr verrechnet und dann schulterzuckend und entschuldigungslos akzeptiert, dass es nicht gelungen ist). Der Betreiber der Seite hat mir ein sehr freundliches Email geschickt, dass er keinen Zweifel an der Richtigkeit meiner Schilderung hat, aber diese leider nicht auf seiner Seite veröffentlichen kann.

  2. jemseneier

    Hi,
    nach vielem was ich gehört habe scheint das eher schon die Regel darzustellen. Die Kliniken sind ja heute -als Marketingargument- erpicht darauf, “alternative” Scheinheilverfahren anzubieten. Eine Bekannte arbeitet in der Neurologie, erzählt auch des öfteren Schauergeschichten.
    Wa ich nicht verstehe, das Leute die 6 Jahre Medizin, Tiermedizin, Psychologie oder sonst was studiert haben, dann nach der ganzen Zeit doch wieder bei solchen einfachen primitiven (idiotischen) Behauptungen hängenbleiben. Der Wunsch nach einfachen Lösungen gegen die eigene Ratio. Ich kenn´echt viel von diesen Leuten. Ich find das so schlimm. Kann nur hoffen, daß ich niemals einen von diesen Typen in irgendeiner Klinik ausgesetzt bin, kann man echt Angst kriegen.

  3. Alexander Vollmer

    Was mich interessieren würde, beim Kinesiotape, wie wurde die Haut vorbehandelt und hat die Physiotherapeutin die Muskeln vorgespannt oder eine isometrische Übung durchführen lassen?

    In den Fällen, in denen Leute positive Erfahrungen mit diesen Tapes haben, beruht die m.E. nicht auf dem Mumpitz der dazu erzählt wird, sondern auf einer mechanischen Übertragung des Muskelspannungsreizes und damit der Provokation gegenläufiger (isometrischer) Muskelkontraktionen. Damit kommt es zu stabilisierenden Effekten oder unwillkürlichen isometrischen Übungen. Das hat aber nichts mit der Farbe zu tun oder dem Material, nur mit der Stelle an der es angebracht wird und dem Muskeltonus während der Anbringung und der Vorspannung des Tapes in Bezug auf dessen Elastizität.

    Mein Eindruck ist, das ganze esoterische Geschwurbel verhindert auch noch, dass man sich damit auseinandersetzt warum es (nur) in Einzelfällen wirkt und ob es dann ein Placeboeffekt ist, oder ob tatsächlich eine Wirkung vorliegt und nur keine passende Indikation oder unzureichende Anwendung vorgelegen hat.

    Was mich erschreckt ist diese unprofessionelle und unwissenschaftliche Einstellung im Gesundheitsbereich und mit Schrecken stelle ich mir vor, welche Folgen dann im Worst Case Fall auftreten können, wenn das Tape den gegenläufigen Tonus isometrischer Muskelgruppen verstärkt und damit die Muskulatur schwächt oder im Rückenbereich halbseitige Kontraktionen mit entsprechenden Folgen auf die Wirbelsäule.

    Die eigentliche Gefahr ist nicht Unwirksamkeit, sondern eine Wirksamkeit in die falsche Richtung. Da muss dann eher froh sein, dass es sich löst.

  4. esme

    Ich konnte mal vor Schmerzen in den Füßen nicht gehen und bin an eine Osteopathin überwiesen worden, ohne zu wissen, was Osteopathie ist.
    Im Gegensatz zum oben beschriebenen Osteopath war die sehr freundlich und professionell und hat jedenfalls besser zugehört als die überweisende Ärztin, das ändert aber nichts daran, dass ich bei einer vermuteten Entzündung die Ursache behandelt sehen will statt mit Magie auf Krankenkassenkosten behandelt zu werden plus Empfehlungen wie, die Hose im Sitzen an- und auszuziehen.

    Ich habe dann letztlich aufgegeben, kompetente Hilfe zu bekommen und viele Monate gewartet, bis es von selber verheilt ist. Ich habe in der bewegungslosen Zeit enorm zugenommen, was mich jetzt noch viel mehr Zeit gekostet hat, langsam wieder abzunehmen. Wenn dann Übergewichtige höhere Beiträge zahlen sollen, fühle ich mich mehrfach verarscht.

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