Hifi-Voodoo auf der Buchmesse

Skurrile Dinge sind mir auf der Buchmesse in Frankfurt über den Weg gelaufen. Gemeinsam mit Sebastian Bartoschek bin ich über einen Stand gestolpert, der den so genannten “Lautsänger” präsentierte. 

Zwei freundliche Männer luden uns zu einem ausführlichen Gespräch und einer Vorführung ihres Lautsprechersystems ein. Ich habe im Vorfeld nicht erwähnt, dass ich Akustikerin bin, da ich ein unvoreingenommenes Gespräch führen wollte. Mein Interviewpartner war ein sanfter Mann, der von seiner Sache überzeugt ist.

DSCN3566Lautsänger Lautsprechersystem mit und ohne Modifikationen

Ich hatte mir vor Beginn des Gesprächs vorgenommen, bei den technischen Details nachzuhaken. Jedoch stellte sich dies als überflüssig heraus, da ich während des Gesprächs sehr schnell merkte, dass wir uns im wesentlichen im Bereich der Psychoakustik befinden.

Kleiner Exkurs zu Akustik

Es gibt bei der Akustik zwei Bereiche, die das was wir hören, beeinflussen. Der erste Bereich ist der physikalische Bereich: Welches Frequenzspektrum hat der Schalldruck, den der Lautsprecher aussendet? Aus welcher Richtung kommt der Schall? Das technische Verständnis von Akustik ist schon sehr weit. Wir kennen mittlerweile die Grenzen der modellhaften Beschreibung der Physik von Akustik sehr gut. Natürlich gibt es auch hier noch unergründete Forschungsfelder, aber die grundsätzliche Wirkweise von Schall ist hinreichend bekannt.

Der zweite Bereich ist der Bereich der Wahrnehmung, der Psychoakustik. Dieser Bereich spielt sich nur im Kopf des Hörenden ab. Was wir tatsächlich hören und wie wir z.B. Lautstärke empfinden, hängt sehr stark von persönlichen Hörgewohnheiten ab und was uns in unserer Umgebung noch beeinflusst. Erschwerend bei der Beurteilung von Geräuschen oder Klängen kommt hinzu, dass wir ein sehr kurzes akustisches Gedächtnis haben. Das bedeutet: Wenn zwischen zwei zu beurteilenden akustischen Ereignissen mehrere Sekunden liegen, können wir keinen Vergleich mehr herstellen, weil unser Gehirn das erste Ereignis schon vergessen hat. Wir wissen zwar noch was es war, aber nicht mehr wie es sich exakt angehört hat. Die Gefahr der Manipulation unser eigenen Erfahrungen ist dadurch sehr groß. Was wir hören wollen, hören wir auch. So erklären sich dann auch die unterschiedlichen Erfahrungen, die Sebastian und ich bei dem Hörversuch mit dem Lautsänger Lautsprechersystem gemacht haben.

Zur Sache

Zum runterladen hier entlang.

Wie man vielleicht hört, ist mir die Bewertung des Lautsprechersystems und letztendlich der Arbeit meines Interviewpartners sehr schwer gefallen. Ich musste mich mit dem Menschen, der hinter diesem Produkt steht, auseinander setzen und wollte ihn nicht herabsetzen. Leider bleibt das bei einer kritischen Betrachtung der Fakten nicht aus. Wo ich mich sonst an Konzepten und Thesen abarbeiten kann, ohne Rücksicht die Hintergründe auseinander nehmen und hinsichtlich ihrer Stimmigkeit bewerten kann, so stehe ich hier vor einem Menschen, der sich viel Mühe mit einem Gerät gegeben hat, was wissenschaftlichen Maßstäben nach, im Wesentlichen in seinem Kopf und dem des Hörers funktioniert.

Fakecheck

Ist das Wirkprinzip plausibel?

Alle Thesen hinsichtlich der “Explosion”, “Klang”, “parallele Bewegung des Klangs in Kreisform im Raum” machen physikalisch keinen Sinn. Er erläutert selbst, dass Messungen des Übertragungsverhaltens der Lautsprecher kein Ergebnis liefern würden. Er behauptet, man würde aus Tonspuren von youtube-Videos den “Originalklang” wieder zusammenbauen können, ohne sich über Techniken der Komprimierung und der mangelnden Aufnahmequalität, geschweige denn des Einflusses von Richtungsinformationen durch Phasenverschiebung (ok ich hör ja schon auf 😉 ) Gedanken zu machen. Die Erläuterungen zu Stradivari sind z.B. auch veraltet, da es mittlerweile jemanden gibt, der bessere Geigen baut als er damals. Der Mann heißt Martin Schleske und wird nicht zu unrecht als „Stradivari des 21. Jahrhunderts“ bezeichnet. Herr Schleske weiß sehr genau, warum eine Stradivari so klingt wie sie klingt. Er hat mehrere richtige Doppelblind-Versuche durchgeführt und bedient sich ausgiebig an den Kenntnissen der Physik.*

Referenzen und Untersuchungen

Ich finde leider keine Informationen zu der genannten Universität oder der Leiterin der Untersuchung. Die Betonung auf renommierte Experten, ohne Namen zu nennen, ist typisch für Esoterikprodukte. Auch die üblichen Marketing-Strategien wie “jahrelange Erfahrung im Hören”, “Ich versichere Ihnen, sie werden den Unterschied hören” lassen sich wieder finden.

Er hat für sich selbst eine Art “esoterischen Parallelschall” erschaffen. Das er die seit Jahrzehnten bekannten Definitionen für Ton, Klang und Geräusch aus der technischen Akustik nicht kennt und behauptet man würde im deutschsprachigem Raum erst kürzlich von Ton sprechen, lässt auf äußerst mangelhafte Kenntnisse schließen. Diese Kenntnisse erwarte ich nicht von jemandem, der privat ein Instrument spielt, oder in den Chor geht. Aber sobald man sich mit professionellen Aufnahmen von Musik auseinander setzen muss, kommt man um die technischen Begrifflichkeiten und Methoden nicht herum.

Er hat in seinen Ausführungen leider fast alle Kriterien bedient, die man zur Identifikation von Esoterikprodukten heranziehen kann. Das gerade auch bei akustischen Produkten die Esoterik nicht halt macht, erkennt man auch daran, dass sie sogar einen eigenen Namen hat: Hifi-Voodoo

*Ich durfte selbst an einem sehr beeindruckendem Plenarvortrag von Herrn Schleske beiwohnen und mich an ausführlichen Erläuterungen zum Modalverhalten von Geigen erfreuen. Mehr Infos gibt es auf seiner Seite und ein interessantes Interview in dem er seine Methoden erläutert ist hier zu sehen. (Ich ignoriere hier mal den religiösen Bezug, auch wenn es mir schwer fällt).

3 comments

  1. Walter

    Hallo,
    die angebliche ‘Leiterin’ ist wohl Anne LeBaron, die tatsächlich u.a. bei Ligeti studiert hat. Sie hat aber nie in Kalifornien gelehrt, sondern an der Alabama- & Columbia-University.
    Die einzige ‘University of Hollywood’ ist diese Satire-Seite:
    http://www.uofh.com/

  2. BSR

    Julitschka,
    bezugs der Geige/ Stradivari möchte ich Dich aus eigener Überzeugung auf Bernhard von Bredow und seine Instrumente aufmerksam machen. Überhaupt ist Bernhard ein “Typ” den man unbedingt mal getroffen haben sollte – leider ist mir dies nicht so oft möglich, empfehle es aber immer gerne wieder. Durch seine Art der Wissensvermittlung ist er sogar noch kompatibel für Kinder und weiß diese zu begeistern …… Egal, besuch ihn einfach mal ;-). Vorerst findest Du ihn hier im Netz >>
    http://www.mammutheum.de/seminare-a-kurse/musik-der-steinzeit-instrumente.html

  3. Jürgen Bromant

    Bei Hifi-Fetischisten sind wirklich so einige unhaltbare Glaubenssätze mittlerweile breiter Konsens.
    Noch viel schlimmer sieht es bei den Musikern selbst, vor allem bei den Gitarristen (zu denen ich u.a. auch gehöre), aus.
    Jedes kleinste Detail, jedes Schräubchen, jede minimale Änderung an den Tonabnehmern einer elektrischen Gitarre ist, im Glauben vieler Musiker, absolut klangentscheidend.
    Mittlerweile gibt es sogar E-Gitarren aus “Mondholz” oder es wird eine sündhaft teure “Cyro-Behandlung” angeboten, welche die Gitarre durch kurzfristiges Schockfrosten klanglich aufwerten soll – Kostenpunkt ab 500€ aufwärts.
    Vom unerschütterlichen Glauben daran, dass eine teurere Gitarre unweigerlich besser klingt, mal abgesehen.
    Das führt dazu, dass ein gewisser Snobismus in der Musikerszene entsteht und einige Gitarristen über “Billigklampfen” (die nicht mindestens ein paar tausend Euro kosten) blasiert die Nase rümpfen.
    Da ich mich nebenher autodidaktisch seit vielen Jahren mit Musikproduktion und Audio-Engineering beschäftige, fallen mir die unglaublich subjektiven und meistens unhaltbaren Theorien zur angeblichen Klangverbesserung besonders stark ins Auge.
    Vor allem wird der Fehler gemacht, das menschliche Hörvermögen maßlos zu überschätzen. Selbst wenn, ich z.B. ein leicht verändertes Schwingverhalten eines Instrumentenkorpus unter Laborbedingungen nachweisen kann, heißt das noch lange nicht, dass das menschliche Ohr dieses auch wahrnehmen kann.
    Bei den Stradivaris wird beispielsweise, meiner Meinung nach, der historische Wert mit dem klanglichen Wert verwechselt.
    Bei E-Gitarren ist es nicht anders. Gerade in diesem Bereich ist in den letzten 15 Jahren eine unheimlich große Sammlergemeinde entstanden. Oft sind es sogar musikalische Laien, die sich ein ‘vintage’ Instrument aus den 50er oder 60er Jahren als Investition zulegen, selber aber gar nicht spielen. Die Preise können dabei leicht in schwindelnde Höhen geraten. Für den Preis einer gut erhaltenen 1958er Fender Stratocaster könnte man sich beispielsweise eine luxoriöse Eigentumswohnung leisten.
    Die großen Hersteller von E-Gitarren haben den Trend schon lange erkannt und bieten künstlich gealterte, aber fabrikneue Instrumente an, denen auch klangliche Vorteile, durch die künstlich erzeugten Gebrauchsspuren, angedichtet werden.
    So lassen beispielsweise Risse und Sprünge im Lack, das Instrument angeblich “offener” klingen.
    Es ist mittlerweile normal, dass jemand für eine Gitarre 5000€ und mehr bezahlt, die aussieht, als hätte sie ein schon langes Bühnenleben hinter sich, aber in Wahrheit flammneu ist.
    Als Fazit würde ich sagen, je weniger die Thematik analytisch greifbar ist und eher auf subjektives Empfinden abzielt, was auf akustische Eigenschaften zweifelsohne zutrifft, desto mehr sind dem Aberglauben Tür, Tor und auch der Geldbeutel geöffnet.

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