Antwort der Regierung zur kleinen Anfrage zur Komplementärmedizin der SPD

Am 26.06 stellt die SPD Fraktion im Bundestag eine kleine Anfrage an die Regierung zum Thema “Komplementärmedizin – Forschung und Anwendung in Deutschland”. Ich habe meine ganz persönlichen Lieblingsfragen aufgelistet. Am 15.07 wurde die Antwort der Regierung verschickt.

Ich bin enttäuscht. Vielleicht hatte ich zu hohe Erwartungen, weil ich viele der Fragen selbst unglaublich spannend finde. Aber die Antworten der Bundesregierungen fallen sehr mager aus.

Auf die Frage hin, wie die Bundesregierung im Grundsatz die komplementärmedizinischen Methoden und Produkte bewertet, lässt sich die Regierung zumindest zu dem Satz hinreißen:

Für eine Vielzahl von komplementärmedizinischen Heilmethoden fehlen allerdings insbesondere im direkten Vergleich zu schulmedizinischen Behandlungsmethoden bisher empirisch fundierte Erkenntnisse sowohl über den wissenschaftlich gesicherten Nutzen als auch über die möglichen Risiken.

Jedoch schwurbelt sie bei der Beurteilung des Marktzugangs:

Soweit es um den Marktzugang von Arzneimitteln geht,
werden Qualität, Wirksamkeit und Unbedenklichkeit der Arzneimittel der besonderen Therapierichtungen unter Berücksichtigung der spezifischen Besonderheiten bewertet.

Sie erkennen weiterhin den Mangel an Evidenz und verweisen dann auf die Zuständigkeit des G-BA. Soweit, so allgemein.

Arzneimittel der Komplementärmedizin

Interessant wird es bei der Frage nach dem Prozentanteil der auf dem deutschen Markt vertretenen Medikamente, die der Komplementärmedizin zugeordnet werden können. Demnach sind 97 793 Human-Arzneimittel beim Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM) zugelassen und registriert. Davon gehören 39,24 % zu homöopathischen und anthroposophischen Arzneimitteln und Arzneimittel der besonderen Therapierichtungen.

Es wird weiterhin erwähnt, dass in diesen Zahlen diejenigen Arzneimittel nicht aufgelistet sind, die im Rahmen der Standardregistrierung erfasst werden. Diese Mittel bedürfen keiner Zulassung, weil sie unter die 1000er-Regelung für homöopathische Arzneimittel fallen. Das bedeutet: Die Verdünnung ist so groß, dass selbst bei starken Giften in der Grundsubstanz, keine schädliche oder nützliche Wirkung mehr zu erwarten ist. Das heißt für die Statistik: Es gibt noch viel mehr Arzneimittel die auch zur Komplementärmedizin gehören und hier nicht erfasst werden können.

Kosten für gesetzliche  und private Krankenkassen

Die Bundesregierung leitet die Kosten für Komplementärmedizin, die von gesetzlichen Krankenkassen übernommen werden, aus der Nutzung der Wahltarife ab. Die Ausgaben für das Jahr 2012 betrugen 98 105 €. Interessant ist hierbei der Anstieg der übernommenen Kosten seit 2008, mit einem Ausreißer in 2010.* In diesem Jahr betrugen die Kosten 193 346 € und ein Jahr später wieder 91 589 €.

Im Jahr 2012 haben 13 gesetzliche Krankenkassen die Möglichkeit Wahltarife nach § 53 Absatz 5 SGB V anzubieten genutzt. Bei insgesamt 146 Krankenkassen mutet diese Zahl wenig an. Allerdings wäre es wichtig zu wissen, um welche Krankenkassen es sich handelt, damit man eine besserer Vorstellung von der tatsächlichen Inanspruchnahme durch die Patienten bekommt.

Bei den privaten Krankenkassen sieht die Erfassung der Leistungen für Komplementärmedizin schwieriger aus, da sie individuelle Leistungspakete für die Versicherten anbieten. Allerdings hat sich die Bundesregierung mit der Angabe der Kosten für Heilpraktikerbehandlungen geholfen.

Der Verband der privaten Krankenversicherung weist allerdings bei den Versicherungsleistungen die Heilpraktikerbehandlungen separat aus. Nach dem Zahlenbericht 2011/2012 haben die privaten Krankenversicherungsunternehmen im Jahr 2011 insgesamt 239,3 Mio. Euro für Heilpraktikerbehandlungen ausgegeben (Leistungsauszahlung an die Versicherten und Schadensregulierung)

Jetzt bräuchten wir nur noch einen Vergleich zu den gesamten Leistungen der privaten Krankenversicherungen und wir hätten eine Vorstellung wie viel diese Zahl bedeutet.**

Forschungsförderung

Bei der Forschungsförderung der Bundesregierung sieht es sehr kläglich aus. Lediglich 1,75 Mio € investierte sie zwischen 2008 und 2012. Es wird auch auf die Möglichkeit bei der DFG einen Antrag zu stellen verwiesen. Von der Europäischen Kommission gab es zwei Projekte in denen es um “koordinierende Maßnahmen” ging. Was auch immer das bedeuten mag. Diese hatten ein Budget von 662 000 €.

Bei den außeruniversitären Forschungseinrichtungen sieht es wie folgt aus:

Keine der institutionell durch die Bundesregierung geförderten Forschungseinrichtungen befasst sich ganz oder überwiegend mit komplementärmedizinischen Fragestellungen.
Allerdings ist der Bundesregierung bekannt, dass die Deutsche Krebshilfe von 2012 bis 2015 den Aufbau eines deutschlandweiten, multidisziplinären Kompetenznetzes
„Komplementärmedizin in der Onkologie – KOKON“ als ein versorgungsnahes Verbundforschungsprojekt mit insgesamt 2,5 Mio. Euro fördert mit dem Ziel, den Kenntnisstand zur Komplementärmedizin in der Onkologie zu verbessern.

Wenn man sich die Themen und Zielsetzungen der Forschungsprojekte dieses Verbundprojekts ansieht, so kann man nur hoffen, dass sie ihre Erkenntnisse wirklich an die Behandler und Patienten übermitteln können. Eine Aufklärung hinsichtlich der Wirkungen etlicher Hokuspokusbehandlungen an Krebspatienten ist dringend erforderlich.

Weiter beschäftigt sich das BfArM immernoch mit der

Erarbeitung von harmonisierten Bewertungskriterien auf europäischer Ebene, z. B. auch mit experimentellen Untersuchungen bei der Erstellung von Monographien für das Homöopathische Arzneibuch und das Europäische Arzneibuch.

Wer sich fragt was dieses homöopathische Arzneibuch ist, dem wird hier geholfen. Weiterhin beschäftigt sich das Deutsche Institut für Medizinische Dokumentation und Information (DIMDI) innerhalb der Deutschen Agentur für Health Technology Assessment (HTA) im Rahmen der HTA-Berichte mit Komplementärmedizin.

Fazit

Fragen zum sozioökonomischen Status der Anwender und dem Zusammenhang zwischen Verbreitung, Umsatz und Wirksamkeit von Komplementärmedizin wurden überhaupt nicht beantwortet. Auch die Fragen nach Stiftungsprofessuren blieben unbeantwortet. Die weiteren Angaben waren zum größten Teil Informationen, die man auch selbst mit ein paar Mausklicks bekommen hätte. Ob sich wohl ein Forschungsinstitut findet die nicht beantworteten Fragen zu beackern? Ich würde mich freuen.

* Weiß jemand was es in diesem Jahr für eine Besonderheit gegeben haben könnte, die diesen Anstieg erklärt?

** Wenn jemand eine Bilanz dazu parat hat, immer her damit. Ich pflege sie dann ein. :-)

Die privaten Krankenversicherungen hatten, laut Bundesministerium für Gesundheit, 2011 8,9 mio Mitglieder und die Leistungsausgaben betrugen im Jahr 2010 insgesamt 21,3 Mrd €. Wie viel letztendlich insgesamt für Komplementärmedizin ausgegeben wurde bleibt weiterhin im Unklaren.

3 comments

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